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	<title>Schönschrift &#187; Netz</title>
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	<description>Notizen zur Kultur</description>
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		<title>SIGINT12 &#124; Das Wissen der Nerds</title>
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		<pubDate>Sat, 26 May 2012 08:01:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Katja Grawinkel]]></dc:creator>
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		<category><![CDATA[Chaos Computer Club]]></category>
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		<category><![CDATA[Udo Vetter]]></category>
		<category><![CDATA[Vera Drebusch]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist Freitag, 23 Uhr im Kölner Mediapark. Eine junge Frau schleicht durch die Häuserschluchten. Sie trägt einen Beamer vor sich her. So ein Teil, das man eher aus Vortragsveranstaltungen kennt oder sich als Heimkino ins Wohnzimmer installiert. Aber hier &#8230; <a href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/sigint12-das-wissen-der-nerds/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img src="http://piwik.xn--schnschrift-tfb.org/piwik.php?idsite=7&rec=1&action_name=SIGINT12+%7C+Das+Wissen+der+Nerds+%7C+Sch%C3%B6nschrift" style="border:0" alt="" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-2579" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" src="https://ssl-account.com/xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2012/05/SIGINT-für-Schönschrift.jpg" alt="" width="720" height="306" />Es ist Freitag, 23 Uhr im Kölner Mediapark. Eine junge Frau schleicht durch die Häuserschluchten. Sie trägt einen Beamer vor sich her. So ein Teil, das man eher aus Vortragsveranstaltungen kennt oder sich als Heimkino ins Wohnzimmer installiert. Aber hier läuft kein Film. Wie eine große Taschenlampe wirft das Gerät ein weißes Rechteck aus Licht auf die Dinge. Es rückt Nischen in den Fokus, die immer da sind und nie auffallen, durchdringt Glasfassaden und zaubert skurrile Schatten an die Wände. Vera Drebuschs poetischer „BeamerWalk“ gehört zum künstlerischen Rahmenprogramm der SIGINT12. Die zweitgrößte Veranstaltung des Chaos Computer Clubs (CCC) neben dem Berliner Chaos Communication Congress fand am vergangenen Wochenende in Köln statt. Der „BeamerWalk“ eröffnet eine ganz einfache Perspektive auf das Hackertum, das hier gefeiert wird: Eine Technologie wird anders verwendet als es der Mainstream vorschreibt und ermöglicht dadurch einen neuen Blick auf Dinge und Strukturen.<span id="more-2576"></span></p>
<p>Für Unbedarfte reicht so eine Minimaldefinition als Einstieg ins Hacker-Universum. Den Rest erledigt die SIGINT12 in 72 atem- und (dank exzessivem „Club Mate“-Konsum) zum Teil schlaflosen Stunden. Denn Hacktivismus ist mehr als Medienkunst. Es geht um das Wissen von Programmierern und Informatikern in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, das in den immer vernetzteren Zeiten goldwert ist. Florian „scusi“ Walther spricht in seinem Eröffnungsvortrag von einem „Tsunami der digitalen Revolution“ und schwört mit fast religiösem Pathos die „Hacker-Gemeinde“ gegen die Anderen, die „Vordigitalen“, ein. Die Kampfrhetorik erinnert an Neo und die Matrix und erscheint ganz überflüssig. Denn die Themen, die hier in Workshops, Vorträgen und Panels behandelt werden, sind auch ohne Gänsehaut von brennender Relevanz.</p>
<p>Hacken, das bedeutet im Sinne der SIGINT12 Sicherheitslücken in den allgegenwärtigen IT-Systemen aufzustöbern und verantwortungsvoll offenzulegen, sodass sie zum Schutz der digitalen Gemeinschaft behoben werden können. „Einen 0-day fixen“ heißt das hier oder: „das Betriebssystem de-buggen“. Damit kennt sich der 1981 gegründete Chaos Computer Club aus, wie Constanze Kurz in ihrem Update zum sogenannten Staatstrojaner-Hack vom Oktober 2011 verdeutlicht. Die ehrenamtliche Sprecherin des CCC skizziert wie der Club im letzten Jahr die Software analysiert hat, mit der deutsche Strafverfolgungsbehörden die Rechner von Verdächtigten infiltrieren und überwachen. Dabei kamen eklatante Sicherheitslücken ans Tageslicht. Es zeigte sich, dass die Privatsphäre der Überwachten gefährdet ist und ihre Rechnersicherheit auch vor dem Zugriff Dritter nicht geschützt werden kann. Hinzu käme, moniert der CCC, dass die umstrittene Methode nicht einmal gerichtsfeste Beweise liefere. Die Behörden hatten nach dem Hack Besserung gelobt, aber echte Neuigkeiten gab es davon nicht zu berichten, sagte Kurz. Der Inkompetenz der Behörden, bei denen die Software „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“ heißt, steht der Unwille der Hacker gegenüber, ihr Know-How in den Dienst staatlicher Überwachung zu stellen. Das hat nicht nur mit der schlechten Bezahlung zu tun, sondern in erster Linie mit einer gewissen Hacker-Ethik.</p>
<p>Die Macht, die mit Computer-Wissen auch im globalen Sinne einhergeht, betonten Sylvia Johnigk und Kai Nothdurft vom Forum Informatikerinnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) in ihrem Vortrag zum Thema „Cyberpeace“. In etwa 140 Ländern weltweit gebe es bereits militärische Einheiten, die sich mit Cyber-Attacken beschäftigen. Solche digitalen Angriffe legen nicht nur kriegsrelevante Technologien lahm, sondern auch kritische Infrastruktur wie Strom- oder Wasserversorgung. Hier fehlten die notwendigen IT-Sicherheitsmaßnahmen und ziviler und militärischer Schaden seien kaum auseinander zu halten. Auch ließe die Trennschärfe zwischen Cyber-Kriminalität und digitalem Krieg zu wünschen übrig, sodass im schlimmsten Fall ein militärischer Schlag gegen Urheberrechtsverletzungen drohe oder reale<em> </em>Waffengewalt als Antwort auf virtuelle Angriffe. Der Begriff „Cyberpeace“ steht für die Forderungen der digitalen Friedensaktivisten, etwa nach der Abrüstung der politischen Sprache und einer digitalen Genfer Konvention.</p>
<p>Die Stärke der SIGINT12 liegt darin, dass sie mühelos solche großen Themen mit Spielerisch-Leichtem verwebt. Urheberrecht und Vorratsdatenspeicherung werden hier ebenso engagiert diskutiert wie die Serie „My little Pony“. Es gibt Tipps für das deutsche Bildungssystem und zur Smartphone-Sicherheit. Und in Workshops werden nicht nur Roboter programmiert, sondern auch Stickmaschinen. Der <a href="http://www.lawblog.de/">Strafverteidiger und Blogger Udo Vetter</a> wird gefeiert wie ein Star-Comedian und man lauscht mit heiligem Ernst, wenn jemand die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook referiert. Die sogenannten „Lightning-Talks“ (Blitz-Vorträge) treiben es auf die Spitze: Jeder, der möchte, bekommt fünf Minuten Zeit, um ein Thema seiner Wahl vorzustellen. Die Themenvielfalt kennt keine Grenzen und die Konzentrationsspanne wird nicht überstrapaziert. Passend dazu wird getwittert und gebloggt, dass einem der Zeitungsjournalismus wie ein Relikt von gestern vorkommt – aus längst vergangenen Zeiten also.</p>
<p>Und dann wäre da noch eine Kleinigkeit. Dieser Text spiegelt das Geschlechter-Verhältnis unter den Konferenz-Teilnehmern nicht annähernd korrekt wieder. Wenn auch auf den Podien beeindruckend präsent, so waren die Hackerinnen doch insgesamt deutlich in der Unterzahl – wie sie das eben in den technischen und naturwissenschaftlichen Gefilden meistens sind. Aber es gibt Hoffnung. Philip Steffan leistete in seinem Vortrag „Feminismus für Nerds“ Basisarbeit in Sachen Anti-Sexismus für seine Geschlechtsgenossen und Laura Stumpp forderte in einem Lightning-Talk: „Heterosexismus hacken!“ Man traut der Community zu, dass sie bis zur SIGINT13 irgendwo zwischen dem piratischen Postgender und einer NerdInnen-Quote kreative Lösungen für den Gender-Bug findet.</p>
<p><em>Dieser Text erschien bereits im <a href="http://www.freitag.de/alltag/1220-staatstrojaner-und-my-little-pony">Freitag</a>.</em></p>
<img src="http://piwik.xn--schnschrift-tfb.org/piwik.php?idsite=7&rec=1&action_name=SIGINT12+%7C+Das+Wissen+der+Nerds+%7C+Sch%C3%B6nschrift" style="border:0" alt="" />]]></content:encoded>
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		<title>Virtuelle Sheriffs bei blueservo.net &#124; Cowboyspiel, Social Network oder patriotische Jagd?</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Oct 2011 09:13:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Lena Loose]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Netz]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander Richter]]></category>
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		<description><![CDATA[Im selben Augenblick, da die Einheit des irdischen Raumes denkbar wird und die multinationalen Netze an Stärke gewinnen, verstärkt sich auch der Lärm der Partikularismen, all derer, die für sich bleiben wollen, oder derer, die nach einem Vaterland suchen, als &#8230; <a href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/virtuelle-sheriffs-blueservo-net-social-network-mexiko-usa/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img src="http://piwik.xn--schnschrift-tfb.org/piwik.php?idsite=7&rec=1&action_name=Virtuelle+Sheriffs+bei+blueservo.net+%7C+Cowboyspiel%2C+Social+Network+oder+patriotische+Jagd%3F+%7C+Sch%C3%B6nschrift" style="border:0" alt="" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_1604" class="wp-caption alignnone"><img class="size-full wp-image-1604" title="blueservo Standbild" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-still.jpg" alt="Verpixeltes Bild einer Wüste." width="720" height="304" /><p class="wp-caption-text">Screenshot: blueservo.net, alle Rechte vorbehalten</p></div>
<blockquote><p>Im selben Augenblick, da die Einheit des irdischen Raumes denkbar wird und die multinationalen Netze an Stärke gewinnen, verstärkt sich auch der Lärm der Partikularismen, all derer, die für sich bleiben wollen, oder derer, die nach einem Vaterland suchen, als wären der Konservativismus der einen und der Messianismus der anderen dazu verdammt, die selbe Sprache zu sprechen: die des Bodens und der Wurzeln.<br />
(Marc Augé)</p></blockquote>
<p>Dank des selbst ernannten Sozialen Netzwerks <em><a href="http://www.blueservo.net/info.php">BlueServo</a></em> können Menschen von überall auf der Welt als Virtual Texas Deputies für Recht und Ordnung an der texanischen Grenze zwischen Mexiko und den USA sorgen. Ist man als virtueller Sheriff erst einmal angemeldet und eingeloggt, gilt es lediglich ein bis zwei „kritische“ Orte zur Beobachtung aus einer Liste auszuwählen und schon ist man live mit dabei. <span id="more-1600"></span>Wobei nochmal? Dabei, wie die Kakteen in der Wüste der Sonne entgegen wachsen oder dabei wie gelegentlich ein Windhauch eine Baumkrone oder einen trockenen Busch wanken lässt&#8230; Entdeckt der selbsternannte Sheriff nach fleißigem Warten tatsächlich doch etwas &#8218;Verdächtiges&#8216;, muss er nur auf den roten Button unterhalb des Screens klicken und es wird eine Mail versendet, die dann von <em>BlueServo</em> an den zuständigen lokalen Sheriff weitergeleitet wird, welcher sich der &#8218;Angelegenheit&#8216; annimmt.</p>
<p>Eine Grenze erzeugt ein binäres System aus einem Innen und einem Außen; sie fungiert als Markierung dieser Unterscheidung und definiert gleichzeitig – je nach Standpunkt – Zuständigkeitsbereiche, das Eigene, innerhalb Liegende und das Andere, das Fremde. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist ein unübersehbares Symbol für die alarmierende Kluft zwischen dem Reichtum der nördlichen und der Armut der südlichen Hemisphäre. Der seit 2006 entstehende Grenzzaun manifestiert diese Trennung auf radikale Weise. Und während es als Europäer oder US-Amerikaner ein Katzensprung ist diese Linie zu übertreten, erscheinen die Prozeduren um so absurder, die viele Mexikaner durchlaufen müssen, um die Grenze (wenn überhaupt) überqueren zu dürfen. Tatsächlich ist die Grenze eine der am häufigsten überquerten der Welt. Die enorme Wohlstandskluft zwischen den benachbarten Ländern weckt in vielen Mexikanern die Hoffnung auf ein besseres Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch nur wenige finden den legalen Weg auf die andere Seite.</p>
<h3>BlueServo</h3>
<div id="attachment_1605" class="wp-caption alignleft"><a href="/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-screenshot.jpg"><img class="size-medium wp-image-1605" title="blueservo Screenshot" src="http://xn--schnschrift-tfb.org/wp-content/uploads/2011/10/blueservo-screenshot-445x212.jpg" alt="Screenshot: &quot;Welcome back to blueservo&quot;" width="445" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Screenshot: blueservo.net, alle Rechte vorbehalten</p></div>
<p>Das System von <em>BlueServo</em> basiert auf einem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Closed_Circuit_Television">Closed Circuit Television (CCTV)</a> Überwachungssystem. 31 Überwachungskameras sind in der Grenzregion entlang des Rio Grande in Texas installiert und online von überall in der Welt einsehbar. Es genügt eine einmalige Anmeldung um Einsicht auf das Bildmaterial des Live-Streams zu bekommen. Derzeit hat <em>BlueServo</em> ca. 43.000 registrierte Mitglieder. Auf der eigenen Homepage präsentiert man sich als „social network“. Der Anbieter beschreibt das System als eine öffentlich-private Initiative der <a href="http://www.tlc2.uh.edu/TBSC/">Texas Border Sheriff&#8217;s Coalition (TBSC)</a>, die seit ihrer Gründung 2005 ein gemeinsames Ziel verfolgt: „to protect Texans from criminal organizations that had long exploited the state’s southern border“. Als Virtual Texas Deputy kann ein jeder von überall in der Welt Teil des Virtual Community Watch werden; einzig ein Computer mit Internetzugang ist Voraussetzung für die Partizipation am Cowboy-Spiel.</p>
<h3>Social Network</h3>
<blockquote><p>Die Präsenz der Medien ersetzt die soziale Anbindung. Das Subjekt erfährt sich selbst als existent, indem es &#8218;in Erscheinung&#8216; treten kann und in allen Lebenslagen einem &#8218;Bild&#8216; zu entsprechen versucht. Als Instanz der Selbstwahrnehmung werden die Medien zum reality test der gesellschaftlichen Persona: Ich werde gesehen, also bin ich.<br />
(U. Frohne)</p></blockquote>
<p>Mit weit über 500 Millionen aktiven Usern weltweit sprengt das social network Facebook alle Rekorde. Soziale Netzwerke (SNS) sind ein relativ junges Phänomen; der Begriff ist nicht geschützt. Michael Koch und Alexander Richter verstehen darunter in ihrer Untersuchung zu <a href="http://ibis.in.tum.de/mkwi08/18_Kooperationssysteme/04_Richter.pdf">„Social-Networking-Diensten“</a> Anwendungssysteme, &#8222;die ihren Nutzern Funktionalitäten zum Identitätsmanagement (d.h. zur Darstellung der eigenen Person i.d.R. in Form eines Profils) zur Verfügung stellen und darüber hinaus die Vernetzung mit anderen Nutzern (und so die Verwaltung eigener Kontakte) ermöglichen&#8220;.</p>
<p>Von den sechs von Koch und Richter definierten Funktionalitätsgruppen von SNS kann <em>BlueServo</em> nicht eine erfüllen. Fakt ist, dass das Profil ein elementarer Bestandteil eines social networks ist, so wie die &#8218;Freundschaftspflege&#8216; und die Kommunikation mit den &#8218;Freunden&#8216;, durch persönliche und öffentliche Nachrichten. <em>BlueServo</em> wird den genannten Kriterien einer SNS nicht gerecht. Das elementare Herzstück, das persönliche Profil, existiert nicht. Somit ist die Möglichkeit der Selbstdarstellung via <em>Identitätsmanagement</em> nicht gegeben. Die Identität anderer &#8218;Deputies&#8216; ist nicht einsehbar, so dass die Handlungen der Mitglieder auf der Seite nicht nur anonym sind, sondern unsichtbar bleiben. Somit fallen auch <em>Kontaktmanagement</em> und der <em>gemeinsame Austausch </em>weg. Ein <em>Wissensaustausch</em> existiert – wenn überhaupt – nur einseitig.</p>
<p>Anders als bei &#8218;klassischen&#8216; social networks wie Facebook oder StudiVZ besteht keine Möglichkeit sich innerhalb der Seite mit &#8218;Freunden&#8216; zu vernetzen. Somit wird auch die Funktion der <em>Kontextawareness</em>, also des Aufbaus eines gemeinsamen Wissens und Vertrauens innerhalb des Netzes sowie die <em>Netzwerkawareness</em>, das stetige Informiertsein über Aktivitäten im Netz, nicht realisierbar.</p>
<h3>Grenzüberwachung als Live-Event</h3>
<p>Auf der Homepage von <em>BlueServo</em> ist die Rede von der Ermächtigung eines jeden vorausschauend und aktiv am Kampf gegen die Kriminalität teilzunehmen. Die Suche nach &#8218;any suspicious activities&#8216; beherbergt diese Intention der Beobachtung zwecks Differenzierung. Das Bild der Kamera befördert jeglichen Verkehr vor dem Objektiv in den Status des Suspekten, des Anormalen. Die Methode der Kameraüberwachung produziert im Einklang mit einem von US-amerikanischen Populär-Medien erzeugten Blick auf die Grenzsituation hartnäckig einen dualistischen Ausschließungsmechanismus. Der auf Normalisierung gedrillte Blick registriert das Andere als ein Anormales. Diese Normierungsidee führt zurück zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault">Michel Foucault</a>, der in der Standardisierung und Kategorisierung einen Mechanismus der Disziplinarmacht sieht. Die User von <em>BlueServo</em> fügen sich in diese Strukturen ein und erleben in der Gruppe der &#8218;Normalen&#8216; eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl.</p>
<p>Der Deputy ist live dabei. Aber ist er das tatsächlich oder operiert er nur in einer vermeintlichen Realität? Der Performance-Theoretiker <a title="Live und Leben | (transmediale.11)" href="http://xn--schnschrift-tfb.org/artikel/live-und-leben-transmediale-11/">Philip Auslander</a> beschreibt im Kontext von Kunstproduktion Live-Events als „real“ und mediatisierte Ereignisse als „secondary“ und „artificial reproduction of the real“. Für ihn ist der Begriff Liveness mit der gleichzeitigen Anwesenheit an einem Ort verknüpft und unterscheidet sich in mancher Hinsicht von der medialen &#8218;Live-Übertragung&#8216;. Das zunächst ortsabhängige und zeitlich versetzte Rezeptionserlebnis emanzipiert sich durch die Möglichkeiten weltweiter Vernetzung via Internet und was vorher nur in unmittelbarer Nähe live erfahrbar war, bietet sich heute überall und zu jeder Zeit an und führt dabei eine ganz neue Form von Reaktions- und Partizipationsmöglichkeiten mit sich.</p>
<p>Die Vergleichzeitigung von technisch-visueller Aufnahme und Wiedergabe löst bei dem Betrachter ein Gefühl der Teilhabe aus, denn er ist nicht mehr der Instanz der Zeitverzögerung ausgeliefert. Im Fall von <em>BlueServo</em> handelt es sich weniger um ein gemeinschaftliches Dabeisein als um eines aus einer überlegenen Perspektive. Der Blick des Betrachters anwesend, zwischengeschaltet ist jedoch der Blick der Maschine, der Kamera. Betrachter und Objekt agieren in der selben Zeit, jedoch an verschiedenen Orten.</p>
<p>Die Bilder, die sich dem <em>BlueServo</em> Nutzer bieten, unterscheiden sich von Bildern im öffentlichen Fernsehen vor allem auch durch den Aspekt, dass sie nicht nur &#8218;real&#8216; sind, sondern dass die Personen vor der Kamera (wenn denn mal welche zu sehen sind) im Normalfall nicht von der Anwesenheit der Kamera wissen. Das Vergnügen an <em>BlueServo</em> besitzt somit eine voyeuristische Komponente. Der Blick des Sheriffs ist Ausdruck einer Lust an Macht und wird zu einem Akt der Gewalt. Voyeurismus im eigentlichen Sinne ist sexuell konnotiert, soweit gehend, dass nach Freud der voyeuristische Akt den sexuellen Akt sogar ersetzen kann. Von einer erotischen Komponente ist bei dem Agieren mit <em>BlueServo</em> wohl eher nicht auszugehen. Auch fehlt hier die für den voyeuristischen Blick typische „Angstlust“: ein erregender Nervenkitzel, der dadurch ausgelöst wird, dass der Voyeur oder die Voyeuse entdeckt und „der Perversität überführt“ werden könnte. Die Angstfrage stellt sich für ihn nicht, denn offiziell handelt er rechtens und agiert völlig anonym vom heimischen Sofa aus.</p>
<h3>Ausblick</h3>
<p>Die &#8218;Grenzsicherheit&#8216; in dem Gebiet zwischen den Vereinigten Saaten und Mexiko ist durch Systeme wie <em>BlueServo</em> durch eine weitere Ebene erweitert worden. Mit Hilfe von Kameras im realen Raum wird auf virtueller Ebene &#8218;Grenzschutz&#8216; betrieben. Damit verschieben sich die Kategorien von Zeit und Raum und es erschließt sich ein Geflecht von neuen Möglichkeiten des Agierens und Involviert-Seins, wie auch des Überwachens und Überwacht-Werdens. Der virtuelle Raum eröffnet neue Möglichkeiten der Überschreitung des Nicht-Ortes Grenze, aber auch ihrer Abwendung und Kontrolle. <em>BlueServo</em> ist ein abstruses Beispiel dafür, wie die enorme Mobilität und die Öffnung von Räumen umgekehrt auch eine Schließung implizieren können. Die Begeisterung für die Observierung dieser Ereignislosigkeit entspringt irgendwo im Niemandsland zwischen &#8218;Pleasure and Paranoia&#8216; und demonstriert anschaulich wie gesellschaftliche Missverhältnisse auch in den virtuellen Raum weiter getragen werden.</p>
<p>Abschließend lässt sich noch einmal betonen, dass <em>BlueServo</em> seinem Eigenanspruch als social network in keiner Weise gerecht wird. Schon unter banalen semantischen Gesichtspunkten wird unmittelbar deutlich, dass der Service weder &#8217;sozial&#8216; noch &#8218;network&#8216; sein kann. Um so grotesker ist, dass das sogenannte &#8217;social network&#8216; auf das social network Facebook zurück greift, um dort social network-typische Handlungsräume in Anspruch zu nehmen, die die Seite selber nicht bieten kann. Auf der Facebook-Seite tauschen sich User mit ihren Facebook-Accounts über ihre Erfahrungen bei <em>BlueServo</em> aus oder geben einfach nur ihre Begeisterung kund. Hier treten die Sheriffs aus der Anonymität ihrer Undercover-Identität heraus und können sich nach Belieben darstellen und vernetzen.</p>
<p>Ich würde sogar so weit gehen und den Service als &#8218;unsocial network&#8216; bezeichnen, denn sich freisprechend von jeglicher Verantwortung spielen sich die User als Sheriffs im Namen einer naiven und nationalistisch gedachten Ordnung auf, ohne dabei Sinn und Konsequenzen ihres Tuns in Frage zu stellen. <em>BlueServo</em> wird zum schleichenden Action-Spiel mit Echtzeitfaktor, dessen vermeintliche Realität und das Gefühl von Einflusshabe und Macht einen besonderen Reiz auszumachen scheinen. Dass unzählige Menschen ihr Leben &#8218;aufs Spiel&#8216; setzen, alles hinter sich lassen, sich körperlichen Strapazen, Dehydrierung, Strafen, kriminellen Schleusern und der skrupellosen Drogenmafia aussetzen scheint den patriotischen Zockern vor lauter Wild-West-Wallungen entgangen zu sein.</p>
<h3>Literatur:</h3>
<p>- AUGÉ, Marc: <em>Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit.</em> Frankfurt am Main, 1994<br />
- AUSLANDER, Philip: <em>Liveness: performance in a mediatized culture</em>, 2008<br />
- FOUCAULT, Michel: <em>Überwachen und Strafen</em>. 1975. Ausgabe Frankfurt am Main, 1994<br />
- RICHTER, Alexander &amp; KOCH, Michael: <em>Funktionen von Social-Networking-Diensten. </em>Proceding Multikonferenz Wirtschaftsinformatik 2008, Teilkonferenz Kooperationssysteme, München, 2008</p>
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